Faust will sich gerade das Leben nehmen, als das Ostergeläut beginnt. Er erinnert sich an glückliche Kindheitstage und so halten die Glocken ihn vom Selbstmord ab. Manchen Menschen bedeutet das Kirchengeläut Geborgenheit oder Tradition, andere wiederum fühlen sich gestört. Zu laut, zu früh, zu oft finden sie. Auch im Kölner Süden gibt es Bürger, die sich über das regelmäßige Kirchengeläut beschweren. Allerdings garantiert das Grundgesetz die Religionsfreiheit und deckt das Läuten von Kirchglocken im Rahmen der religiösen Ausübung ab.

Wir fragen Sie: 

Wie empfinden das Kirchenläuten und was bedeutetet es Ihnen?

 

Karl-Josef-Windt, Weiß, Leitender Pfarrer der katholischen Kirche im Rheinbogen

Als Pastor hier im Kölner Süden wohne ich direkt neben einer Kirche und freue mich über das Kirchengeläut. Zweimal täglich – um 12.00 Uhr und um 19.00 Uhr – rufen uns die Glocken zu einem Moment des Innehaltens und für manche zum Gebet. Wenn die Kirchenglocken zu den Gottesdiensten läuten – oft mit unterschiedlichen Glocken – laden Sie uns ein, im Gottesdienst Gottes Stärkung und Geborgenheit zu erfahren. Außerdem läuten die Glocken vor Taufgottesdiensten, um neue Gemeindemitglieder willkommen zu heißen und vor Beerdigungen, um Menschen auf ihrem letzten irdischen Weg zu begleiten. Es ist stimmungsvoll, wenn alle Kirchenglocken unserer Stadt ein neues Jahr einläuten. Kirchenglocken strahlen auch Festlichkeit und Frieden aus.

 

Arnold Güttler, Südstadt

Obwohl ich politisch links bin, empfinde ich das Kirchenläuten als Teil unserer Tradition und als Kulturerbe. Ein Sonntag ohne Glockenläuten – wenn ich mir das vorstelle, dann fehlt mir was. In Polen, wo ich aufgewachsen bin, haben die Kirchglocken den Rhythmus des Tages bestimmt. Als Kinder wussten wir, wenn die Abendglocken läuten, dann ist das Spielen bald vorbei. Ich kann gar nicht verstehen, dass es jemanden stört.

 

Andreas Schiering, Zollstock

Grundsätzlich gehört das Kirchenläuten zum Alltag dazu. Aber nicht mehr zeitgemäß ist die Uhrzeit und Umfang des Läutens. Morgens um 7.00 Uhr, vier Schläge für die volle Stunde,  sieben Schläge für die Uhrzeit, danach ein vierminütiges Angelusgeläut, von montags bis freitags, wiederholend abends.
Laut Umweltamt, das zweimal vor Ort war, entsteht eine kurzweilige Überschreitung der Lärmgrenze durch das Kirchengeläut der Kirche, in deren unmittelbarer Nähe ich wohnte. Als Außenstehender ist es kaum nachzuvollziehen, aber der Schall dringt sehr intensiv in ein Wohnkarree. Der Schall kann von dort nicht entweichen. Das Gespräch mit Kirchenvertretern hinsichtlich dieses Problems war ohne Erfolg. Ich bin schließlich weggezogen und die Wohnung – eine Mietwohnung – bleibt bis auf weiteres leer, trotz Wohnungsknappheit.

 

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